House

Genre: Tropical House

Einleitung

Schaut man sich die Social Media-Profile von jungen DJs wie Robin Schulz, Kygo, Sam Feld oder Felix Jaehn an, kommt Urlaubsstimmung auf. Abwechselnd posten sie Bilder vom Strand, aus einem Pool, aus dem Privatjet oder von einem Festival mit tausenden Zuhörern. Sie sind in kurzer Zeit zu Superstars der Musikszene geworden. Als DJs und Produzenten machen sie ihre eigene Musik. Im Gegensatz zu den Star-DJs der EDM-Szene[1] wie Calvin Harris, Tiesto, Steve Aoki oder Martin Garrix setzen sie dabei aber nicht auf fette Synthesizer und durchschlagende Bass-Drums, sondern eher auf entspannte Klänge. „Tropical House“ oder auch „Deep House“ nennen sie ihre Musik. Während Deep House in einer langen Tradition von House DJs steht, die bis in die 1980er Jahre zurückreicht, und eine viel diskutierte Genre-Zuordnung darstellt, wurde der Begriff „Tropical House“ eher zufällig vom australischen DJ Thomas Jack eingeführt. „I loved summer vibes and the beach so I thought tropical house would be a cool name“[2], erklärt er seinen scherzhaften Genre-Begriff aus dem Jahr 2014.

Seit die oben genannten europäischen DJs diesen Stil aufgenommen und weiterentwickelt haben, sind sie aus den Chartlisten nicht mehr wegzudenken. Unter den Top 20 der deutschen Single-Jahrescharts 2015[3]  waren zehn Songs, die dem Deep oder Tropical House zuzurechnen sind. Dabei konnte Felix Jaehn mit seinem Remix von „Cheerleader“ besonders punkten, aber auch das norwegische „Wunderkind“[4] Kygo zählt zu den Wegbereitern dieses Genres.

Tropical House ist keine Clubmusik, bei der Platten miteinander gemixt werden, daher kommen dessen Macher auch nicht aus einer Clubszene, sondern aus den Weiten der Online-Blogs und Soundcloud-Listen[4][5]. Das zeigt sich auch daran, dass sie im Gegensatz zu klassischen Club-DJs sehr im Fokus der Aufmerksamkeit stehen (wie es auch im EDM der Fall ist) und sich eine große Fanbase um sie formiert[6]. Die Generation dieser meist Mit-Zwanziger DJs ist viel mehr Studio-Produzent und Songwriter als „klassischer“ live mixender Disc-Jockey.

Tropical HouseDie Frage, die sich nun stellt, ist: „Was ist überhaupt Tropical House?“. Gerade in der verästelten Verzweigung neuer Subgenres elektronischer Tanzmusik muss differenziert werden, ob Genres musikalische Alleinstellungsmerkmale haben oder ob sie aus kommerziellen Gründen zur Verkaufssteigerung kreiert werden[7]. In der folgenden Ausarbeitung soll diese Frage im Fokus stehen. Dazu werden drei ausgewählte Beispielsongs für das Genre Tropical House analysiert, die auf Basis von medialer Verknüpfungen zwischen Künstlern, beziehungsweise Songs und der Genrezuschreibung ausgesucht wurden.

Aus den Ergebnissen dieser Analyse entsteht dann eine primär musikwissenschaftliche Definition. Dabei werden Analyseparameter aus der Literatur zur Analyse populärer Musik entwickelt, die sich besonders für nicht notierte Musik eignen und schwerpunktmäßig Struktur, Instrumentation, Melodie, Harmonie und Klangästhetik berücksichtigen. Außerdem dient ein Verlaufsdiagramm mit den hörbaren Klangschichten als visualisiertes Hilfsmittel zur Strukturanalyse. Die Analyse wird auf Grund der Beschränkungen dieser Ausarbeitung auf musikalische Aspekte fokussiert sein und ebenso wichtige periphere Aspekte populärer Musikkultur (zum Beispiel Fantum, Videos, Präsenz in sozialen Netzwerken) nur am Rande behandeln.

Definition Tropical House

Tropical House ist ein Sub-Genre des Genres „House“, das wiederum elektronischer Tanzmusik zuzuordnen ist. Die Musik zeichnet sich durch ein langsames Tempo von 100-124 BPM und eine Song-Länge von drei bis fünf Minuten aus. Fokussiert wird vor allem eine meist achttaktige instrumentale Melodie-Sequenz, die den Höhepunkt eines Songs darstellt und häufig an die Klangästhetik von (Pan-)Flöten oder anderen tropisch konnotierten, realen Instrumenten angelehnt ist[8][9]. Diesem vorgelagert ist eine klassische Verse-Chorus-Struktur mit Gesang, die instrumental simpel begleitet wird. Der Chorus des Gesangs und die Lead-Melodie können auch zusammenfallen. Klanglich sind die Songs neben der Lead Melodie vor allem von Piano-, Percussion- und Marimba-Sounds[9]  geprägt. Obwohl es sich bei Tropical House um elektronische Musik handelt, ist der Einsatz von Synthesizern nicht grundlegend für den Sound, beziehungsweise ist nicht klar herauszuhören, ob die Instrumentation analog oder digital produziert wurde.

Die Lead-Melodie lässt sich in vier zweitaktige Phrasen unterteilen, von denen die ersten drei im Normalfall gleich sind. Diese zeichnen sich durch eine aufsteigende Figur im Rahmen eines gebrochenen Dreiklangs aus, auf die mehrere Repetitionen des Zieltons folgen. Im der vierten Phrase wird die Melodie leicht variiert.

Im Gegensatz zu anderen Genres elektronischer Tanzmusik gibt es im Tropical House nicht zwangsläufig eine durchlaufende Bass-Drum. Rhythmische Begleitungen werden häufig von Percussion-Instrumenten (Bongos, Congas, Shaker) oder Klavier-Akkorden übernommen. Der erste (und vielfach auch einzige) präsente Einsatz der Bass-Drum fällt parallel zum Einsatz der Lead-Melodie. Weitere Unterschiede zu anderen Formen elektronischer Tanzmusik (vor allem auch den House-Subgenres Progressive House und Future House) sind die fehlenden, für Clubmusik typischen Drum-Intros und -Outros und eine sehr begrenzte dynamische und expressive Gestaltung im Ablauf von Tropical House Songs, die vor allem ohne große Kompression auskommt[10]. Eine markante Steigerung passiert durch Filterung der begleitenden, harmonischen Instrumente. Dabei wird häufig zu Beginn der Klang eines Klaviers oder Synthesizers mit einem Low-Pass-Filter gedämpft, sodass er stark nach einer flächigen Orgel klingt. Durch zurücknehmen dieses Filters wird der Klang im Laufe des Gesangsparts heller und erreicht im Gesangs-Chorus den voll-frequentigen Sound.

Der Aufbau eines Tropical House Songs lässt sich grob in zwei nochmals geteilte Formteile unterteilen. Der Einstieg geschieht durch eine Gesangs-Strophe mit flächiger Begleitung, auf die Pre-Chorus und Chorus folgen, die instrumental gesteigert werden. Vor dem Einsatz der Lead-Melodie gibt es ein kurzes Innehalten in Form eines Drops. Dieser erste Teil (A) ist circa 32 Takte lang. Es folgt als zweiter Teil (B) der instrumentale, meist achttaktige Chorus mit Lead-Melodie und durchgehender Bass-Drum. Nun wiederholen sich die Teile A und B erneut, wobei A instrumental und textlich variiert werden kann. Der Teil B als instrumentaler Chorus kann am Ende zur Betonung erneut wiederholt werden, sodass er zwei Mal hintereinander auftritt. Der Song endet direkt nach dem Chorus ohne Outro.

Tropical HouseDiese Form von abruptem Anfang und Ende basieren auf der bereits angesprochenen fehlenden Cluberfahrung und -fokussierung von Tropical House. Da die Tracks nicht für den Club gedacht sind, brauchen sie auch keine acht- bis sechzehntaktigen Drum-Intros und -Outros, um das Mixing zu erleichtern. Die Songs sind trotzdem meist symmetrisch in achttaktige Zyklen teilbar und harmonisch von einfachen viertaktigen Strukturen gekennzeichnet. Dabei werden vor allem Dreiklänge aus der Kadenz der zu Grunde liegenden Tonart benutzt, da Dreiklänge als „light and breezy chords“[11] angesehen werden und damit gut zur vermittelten Stimmung passen.

Auf Grund der Nachrangigkeit des Songtextes gegenüber der Lead-Melodie sind die Texte wenig aussagekräftig, beziehungsweise banal und „meaningless“[12]. Dabei steht vor allem das Thema „Liebe“ im Vordergrund, das in allen drei analysierten Songs aufgegriffen wurde. Wie bereits oben angeführt, sind die meisten Gesangsspuren und damit auch die Texte von den Original-Songs übernommen, sodass die Produzenten außerhalb der Songauswahl keinen Einfluss auf die textliche Gestaltung haben, sofern es sich um Remixe oder Remakes handelt.

Ähnlich wie bei der Festlegung von Balearic House auf musikalische Merkmale verhält es sich auch mit Tropical House. Neben den analytisch distinktiven Parametern, die oben aufgeführt sind, gehört zum Tropical House ein Gefühl des „Caribbean cool vibe“[5]. Lynskey[5]  beschreibt Tropical House weiter mit den Worten: „It evokes a vague but potent feeling of nostalgia for the recent past, the way you might look back on your Instagram shots of a blissful summer holiday in October.“ Dazu gehört auch eine Inszenierung in sozialen Netzwerken, allen voran Instagram, mit lässigen Fotos von Stränden bei Sonnenuntergängen oder leicht bekleideten Frauen im Pool, die die Sehnsucht nach Sonne, Entspannung und Meeresluft gezielt provozieren[13][5].

Forschung zu Tropical House

Bei genauerem Interesse an der hier aufgeführten Definition von Tropical House und den Analysemethoden, möchte ich auf meine Bachelorarbeit zu diesem Thema verweisen. Diese kann hier eingesehen werden.

Quellen

[1] Unter EDM („Electronical Dance Music“) als Abkürzung wird im Folgenden die kommerziell orientierte House- und „Big Room“-Szene rund um Festival-DJs wie Steve Aoki und Calvin Harris verstanden (siehe auch Hartmann, Andreas: Die vereinigten Raver von Amerika, 2013. Online verfügbar unter https://www.zeit.de/kultur/musik/2013-06/hakkasan-las-vegas-ibiza-edm/komplettansicht, zuletzt geprüft am 30.06.2016). Im Gegensatz dazu steht „Elektronische Tanzmusik“ als Überbegriff von auf Tanz angelegte elektronische Musik wie House, Techno oder Dubstep.

[2] Nick: World Premiere: Thomas Jack Presents Tropical House Vol. 3 Bakermat Guest Mix + Exclusive Interview, 2014. Online verfügbar unter https://thissongissick.com/post/world-premiere-thomas-jack-tropical-house-vol-3-bakermat, zuletzt geprüft am 30.06.2016

[3] GfK Entertainment: Top 100 Single-Jahrescharts 2015, 2016. Online verfügbar unter https://www.offiziellecharts.de/charts/single-jahr/for-date-2015, zuletzt geprüft am 21.06.2016

[4] Mac, Ryan: Tropical House Breakout Kygo Leads Dance Music’s Search For Chiller Vibes, 2016. Online verfügbar unter https://www.forbes.com/sites/ryanmac/2016/01/26/tropical-house-breakout-kygo-leads-dance-musics-search-for-chiller-vibes/#3964acdf34c8, zuletzt geprüft am 18.05.2016

[5] Lynskey, Dorian: How tropical house’s dreamy escapism took dance music by storm, 2016. Online verfügbar unter https://www.theguardian.com/music/2016/mar/03/how-dreamy-escapism-tropical-house-took-dance-music-by-storm, zuletzt geprüft am 18.05.2016

[6] Langlois, Tony: Can you feel it? DJs and House Music culture in the UK. In: Popular Music 11 (02), 1992, S. 229, S. 236.

[7] Caryl, Kristan J.: Stop calling it Deep House. A Mixmag writer rants about the recent mislabelling of his favourite genre, 2014. Online verfügbar unter https://www.mixmag.net/read/stop-calling-it-deep-house-blog?p=music/the-blog/stop-deep-house, zuletzt geprüft am 30.06.2016

[8] NPR: Digital Pan Flutes And Marvin Gaye: The Blissed-Out Rise Of Kygo, 2016. Online verfügbar unter https://www.npr.org/2016/05/07/477033241/digital-pan-flutes-and-marvin-gaye-the-blissed-out-rise-of-kygo, zuletzt geprüft am 09.06.2016

[9] Cottingham, Chris: What EDM Did Next: Why Kygo Wants To Kill The ‚Tropical House‘ Genre, 2016. Online verfügbar unter https://www.nme.com/features/what-edm-did-next-why-kygo-wants-to-kill-the-tropical-house-genre, zuletzt geprüft am 30.06.2016

[10] Cheslaw, Louis: What the hell is Tropical House?, 2015. Online verfügbar unter https://www.gq-magazine.co.uk/article/what-is-tropical-house-a-guide, zuletzt geprüft am 18.05.2016

[11] Snoman, Rick: Dance music manual. Tools, toys, and techniques. Burlington, MA, 2014, S. 360.

[12] Cooper, Jon: Tropical house is the music of our generation: mindless, meaningless and complacent, 2016. Online verfügbar unter https://thetab.com/2016/04/01/tropical-house-music-generation-mindless-meaningless-complacent-83294, zuletzt geprüft am 05.07.2016

[13] Speed, Margot: You may not know what tropical house is – and that really doesn’t matter, 2016. Online verfügbar unter https://www.varsity.co.uk/culture/9471, zuletzt geprüft am 18.05.2016

 

 

 

Student "Populäre Musik und Medien", DJ und Producer aus Paderborn.

Deine Rückmeldung

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.Pflichtfelder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*