DJ Mag Top 100 – Sinn oder Unsinn?

Das DJ Magazine (DJ Mag) gehört zu den renommiertesten Fachzeitschriften für elektronische Musik und DJ-Kultur. Große Bekanntschaft macht es mit der jährlichen Wahl der Top 100 DJs der Welt, bei der die Leser über die Platzierung entscheiden. Die Veröffentlichung der Ergebnisse beim Amsterdam Dance Festival (ADE) wird von einer breiten Öffentlichkeit vor allem in den (Sozialen) Medien verfolgt und kommentiert. Gerade vor wenigen Tagen wurde die 2017er Liste veröffentlicht und Martin Garrix konnte seinen Thron verteidigen. Dabei gibt es vor allem aus der Szene selbst kritische Stimmen, die dem Voting sämtliche Relevanz absprechen. Bemerkenswert sind dabei zum Beispiel die Äußerungen von Dillon Francis und Laidback Luke zu diesem Thema, aber auch andere DJs melden sich via Social Media zu Wort. Hier ein kleine Auswahl:

Qualität vs. Popularität

Die vielen Kritiker arbeiten sich vor allem daran ab, dass viele EDM-DJs von den großen Trap- und Big Room-Festival-Bühnen auf der Liste vertreten sind und es nicht um die Qualität des DJing, sondern um die Popularität geht. Diese Kritik kann ich nachvollziehen, es ist jedoch völlig klar, dass ein Voting, bei dem im Jahr 2017 über eine Millionen Fans teilgenommen haben (Pressemitteilung) nicht objektiv die Qualität von DJs bewerten kann. In den DJ Mag Top 100 geht es nur um eins: Popularität.

Popularität sagt wenig über die Qualität aus, wobei man den DJs auf der Liste auch nicht per se ihre Qualitäten im Mixen absprechen kann. Häufig sind es jedoch Stars, deren Fokus nicht die Mixtechnik ist, sondern die Musikproduktion und die Performance ist. Die Kritik an dieser Art von EDM-Mainstage-Verhalten möchte ich an dieser Stelle einmal ausblenden. Zurecht sind Martin Garrix, Hardwell, Dimitri Vegas & Like Mike, The Chainsmokers oder David Guetta auf vorderen Positionen zu finden, denn sie bestimmen die öffentliche Wahrnehmung der elektronischen Musik. Sie sind es, die man genannt bekommt, wenn man Jugendliche nach DJs fragt und eben nicht Namen wie Carl Cox, Jeff Mills, KiNK oder Richie Hawtin. Das sagt gar nicht darüber aus, wer denn der bessere DJ in Kategorien wie Livemixing, Effekteinsatz, etc. ist, sondern nur, wer am bekanntesten ist. Die Kritiker des DJ Mag Voting erwarten eine objektiv überprüfbare Liste der besten DJs und erhalten das Line-up der Festival-Mainstages.

Stimmungsbarometer

Die DJ Mag Top 100 DJ Liste mag vom Namen her irreführend sein, sie ist trotzdem in mindestens zwei Bereichen sehr relevant. Zuerst einmal ist sie Stimmungsbarometer der Branche und zeigt, welche Musik/welcher DJ gerade angesagt ist. Das Voting lässt sich daher recht zuverlässig auch durch die Beobachtung von weltweiten Chart-Erfolgen und den Timetables der Stages von Ultra Music Festival, Tomorrowland und anderen großen Festivals vorhersagen. In dieser Form bietet das DJ Mag das ganze jedoch in komprimierter und sehr übersichtlicher Form da. Die Liste zeigt, dass die Szene in der Außenwahrnehmung und in wirtschaftlichen Faktoren von EDM-Superstars dominiert wird. Trotzdem können sich auch alte Hase wie Armin van Buuren, Tiësto und Carl Cox in der Liste wiederfinden und zeigen, dass ihre Musik keinesfalls vergessen ist. Wenn man die Top 100 Listen der letzten Jahrzehnte betrachte, zeigt sich auch der musikalische Wandel in der Szene und so kann für jedes Jahr auf Basis des DJ Mag Votings eine musikalische Hörerpräferenz ausgewertet werden.

Asien

Ein zweites wichtiges Argument, das mir selbst vorher nicht bewusst war, liefert 3Lau in seinem Facebook-Post (siehe unten). Die DJ Mag Top 100 sind ein probates Mittel um Gagen festzulegen und daher vor allem aus wirtschaftlichen Betrachtung sinnvoll. Während in Nordamerika und Europa DJ-Gagen häufig aus Basis von Charterfolgen, Social Media Followern und der bisherigen Wirtschaftlichkeit (Ticket Verkäufen) berechnet wird, ist das in Asien auf Grund des beschränkten Internets und dem Rückgriff auf fehlende Buchungserfahrungen mit den DJs kaum möglich. Asien ist jedoch ein sehr aufstrebender Markt und wird in den nächsten Jahren für große Umsätze in der Elektronischen Musik sorgen. Das möchte sich natürlich niemand entgehen lassen. Als schlauer Manager ist also das Ziel eine hohe DJ Mag Platzierung zu erreichen, denn die ist gleichbedeutend mit hohen Gagen in Asien. Es ist also kaufmännisch durchaus sinnvoll, große Medienkampagnen zu fahren, um seine Fans zum Voting zu bewegen, und dafür eine Menge Geld auszugeben, wenn gleichzeitig die Einnahmen aus dem asiatischen Musikmarkt winken. Der Vorwurf, dass sich DJs in die Liste einkaufen, ist also im Grunde sogar richtig (wenn auch nicht im Sinne eines direkten Einkaufs).

Fazit

Bevor man sich also die DJ Mag Top 100 anschaut, macht es Sinn sich Gedanken darüber zu machen, was diese Liste aussagen soll und wofür sie benutzt wird. Als Bewertung der DJ-Qualitäten spielt sie eine kleine Rolle, da sollte man sich eher die Red Bull 3Style Awards oder andere Jury-Wettbewerbe anschauen. Wenn man jedoch wissen möchte, was und wer gerade angesagt ist und welche DJs mit großer Wahrscheinlichkeit für Ticketverkäufe in Clubs und Festival sorgen, lohnt der Blick auf die DJ Mag Top 100.

 

Leseempfehlungen

https://www.laweekly.com/music/why-dj-mags-top-100-djs-poll-is-harmful-to-dance-music-6183825

https://www.theguardian.com/music/musicblog/2011/oct/28/female-dj-mag-top-100

https://www.complex.com/music/2013/07/does-the-dj-mag-top-100-djs-list-even-matter

Student "Populäre Musik und Medien", DJ und Producer aus Paderborn.

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